Tracht

Ein Artikel von Wolfgang Herz, 2. Vorsitzender des Wechmarer Heimatvereins e.V.

Die Tracht im Gothaer Land

Trachten waren kostbar und wurden in der Regel von Generation zu Generation weitergegen. Der Ausspruch „Eine Tracht bekommen“ wird heute meist im Zusammenhang mit Prügel gedeutet und leider missverstanden. Tatsächlich war aber ein besonderer Tag, meist der erste Schultag, gemeint, an dem das Kind seine erste Tracht in Anlehnung an die Kleidung der Eltern und Großeltern bekam. Die Tracht musste von nun an gehegt und gepflegt werden. Ein Stück Identität und Erwachsenensein, das dem Träger viel bedeutete und für ihn einen wichtigen Lebensabschnitt einläutete. Aber Tracht zu tragen bedeutete noch mehr. Mit der Tracht verband man auch Status und Identität. Anhand der Tracht zeigte der Träger nicht nur seinen Wohlstand, sondern auch den Ehestand an. Der Ausspruch „Unter die Haube kommen“ ist sinngemäß für Verheiratet sein oder Heiraten noch heute im umgangssprachlichen Gebrauch. Er rührt aber aus einer alten Tradition, als verheiratete Frauen eine Haube als Zeichen ihres Ehestandes trugen. Als junges, unverheiratetes Mädchen dagegen trug man keine oder eine nur sehr kleine Haube und die Burschen wussten sofort, dass man als Mädchen noch zu haben ist.

Die Trachten, so wie wir diese heute im Verein tragen, waren in der Thüringer Region im 18. Jahrhundert weit verbreitet. Die Kniebundhosen aus Leder mit einem Latz über dem Hosenschlitz waren sehr praktisch. Gehalten wurden diese meist mit bunt verzierten Hosenträgern in welche mitunter auch die Initialen des Trägers eingestickt wurden. Ein Knie oder Wadenstrumpf überdeckte das Bein und wurde zumeist aus Leinen gefertigt. Als Schuhwerk trug man Stiefel oder Schnallenschuhe. Als Oberbekleidung trugen die Thüringer Männer meist Bauernkittel aus Leinen oder Hanfgewebe, die meist bis über das Gesäß reichten. Zu Festlichkeiten trug man einen meist schwarzen langen Schoßrock, aus dem dann später der Gehrock entwickelte. Die Gehröcke mit Ärmelaufschlägen und Schulterstücken waren meist mit wertvollen Knöpfen beidseitig besetzt. Die Knöpfe wurden zum Teil aus Silber gefertigt und zeigten typische Symbole des Handwerks des Trägers. Sie wurden in der Regel nicht zugeknöpft. Unter dem Gehrock trug man eine hochgeschlossen ebenfalls mit Knöpfen verzierte Weste aus hochwertigem Stoff und um den Hals ein Stofftuch gebunden. Als Kopfbedeckung trug man zur Arbeit eine Kappe oder Zipfelmütze und zu festlichen Anlässen den Dreispitz oder Napoleon-Hut und später der Mode angepasst einen Zylinder. Während der Mann in wenigen Minuten angezogen war, benötigte die Frau dagegen deutlich mehr Zeit, um sich zu kleiden. Die Frauentrachten bestanden aus einem weißen langen Leinenhemd ohne Ärmel als Unterkleid. Zwischen Hemd und Rock mit weiten Ärmeln versehen wurde das Mieder getragen. Die gestreifelten Querfalten, die bis zum Ellenbogen reichten gaben dem Mieder den Namen Streifelmieder. Gemeinsam mit dem Streifelmieder wurde aus farbigem oder schwarzem Wollstoff gefertigt ein Schnürmieder getragen. Das Schnürmieder wurde durch Bänder und Schnüre von vorn geschlossen und am unteren Rand mit einer Wulst im Stoff umsäumt. Der Wulst diente dabei als Aufhängung für die schweren Faltenröcke. Die Faltenröcke wurden sehr aufwendig aus bis zu 8m Stoff gefertigt. Der Rock wurde dabei vor allem hinten in starke Falten gelegt, während er vorne glatt war und von einer Schürze bedeckt wurde. Der Rock war fast immer knöchellang und wurde durch mehrere Unterkleider stark aufgebauscht. Aufgesetzte Samtbänder zierten den Rockansatz. Die Schürze diente zur Ausschmückung der Tracht. Über dem Mieder trug die Frau eine Jacke mit einem Brustlappen mit Stickereien und mitunter farbenprächtigen Verzierungen versehen. An Festtagen trugen die Frauen schwarze Schnürschuhe über den teils reich bestickten Strümpfen. Das schönste Element der Frauentracht und wohl auch auffälligste ist die Kopfbedeckung. Die Kopfbedeckung sollte dabei das Haar komplett verdecken. In der Gothaer und Weimarer Gegend trug man eine besonders prunkvolle Form, die Weimarische Haube. Die aus Samt oder Brokat bestehenden Hauben wurden sehr kunstvoll mit Perlen, Glaskugeln und Schmucksteinen bestickt. Auf der Rückseite der Haube hingen teilweise bis an die Waden reichende Bänder aus Brokatstoff. Auf die Stirnseite der Haube wurde eine bestickte Blende aus Federn und feinen Stoffen gelegt und rückseitig fest verbunden. Die schönste Haube unter die ein Mädchen kommen konnte war aber die Brauthaube auch „Flitterheid“ genannt. Aus meist roten Bändern geschnürt und gefaltet gipfelte die Brautkrone im „Flitter“. Aus Perlen, Silberdrähten, Blumen und Glasperlen aufgesteckt verzierte dieses einzigartige Gebilde die Brautkrone und machte die Braut am Hochzeitstag einzigartig.

Trachtenfeste in Thüringen

Wohl dem der seine Heimat liebt und dabei Brauch und Sitte pflegt. Trachten und Traditionen sind eng miteinander verknüpft. Es lohnt sich diese zu erhalten und zu pflegen, denn sie sind ein Teil unserer Geschichte und erzählen von Heimatverbundenheit, handwerklichem Können und Individualität der Regionen. Heute ist der Wechmarer Heimatverein ein Verein von 120 Mitgliedern, die mit Stolz die Thüringer Tracht des späten 18.Jahrhunderts und des frühen 19.Jahrhunderst tragen und diese national aber auch international auf Volksfesten präsentieren. Die Vielfalt der Trachten und deren Träger auf Volks- und Trachtenfesten erlaubt einen wunderbaren Weg der Verständigung zwischen den Regionen und wecken auch die Neugier über den eigenen Zaun auf andere Kulturen und Traditionen zu schauen. Trachtenfeste und Anlässe die Trachten zu zeigen gabt es in Thüringen schon zum Ende des 19. Jahrhunderts Während in der DDR weniger die Trachtenfeste aber dafür runde Ortsjubiläen mit der Darstellung von bedeutenden Ereignissen der Ortsgeschichte gefeiert wurden blühte nach der Wende eine vielfältige Trachtenlandschaft entlang des Thüringer Waldes auf. Heimatvereine entwickelten sich mit neuem Selbstbewusstsein, begannen Trachten mit neuem Stolz zu tragen und präsentierten sich mit der neu gewonnen Freiheit auch in den alten Bundesländern und außerhalb Deutschlands. Trachten- und Tanzfeste auf hohem Niveau wurden populär und ziehen noch heute tausende Besucher in das Grüne Herz Deutschlands. Mit dem 1.Thüringern Landestrachtenfest in Tabarz 1993 und dem 1.Gesamtdeutschen Bundestrachtenfest 1994 in Wechmar wurde der Grundstein zur Gründung des Thüringer Landestrachtenverbandes 1997 gelegt. Besonders das 1.Gesamtdeutsche Bundestrachtenfest führte tausende von Trachtlern in den kleinen Ort Wechmar und machte ihn weit über dessen Grenzen bekannt. Über 3 Tage wurde der 1800 Einwohner zählende Ort zur Heimat für fast 7000 Trachtenträger aus 178 Vereinen und 12 Ländern. 50000 Gäste sangen und feierten gemeinsam in der Urväterheimat der Musikerfamilie des Johann Sebastian Bach. Der nachhaltige Eindruck belebte die deutsche Trachtenlandschaft und Thüringer Landestrachtenfeste finden seit dieser Umbruchszeit unter Federführung des Thüringer Landestrachtenverbandes alle zwei Jahre statt. Das 10.Thüringer Landestrachtenfest vom 13. bis 15. Juni 2014 wird die Thüringer Vereine in die Gemeinde Brotterode am Fuße des Großen Inselberges führen. Seit 1997 werden Kinder- und Jugendtrachtenfeste in Thüringen organisiert. Traditionen und Bräuche werden auf diese Weise der kommenden Generation vermittelt und für diese in unserer schnelllebigen Zeit näher gebracht. Auf Frühlingsfesten, wie dem Sommergewinn in Eisenach oder dem Laubmännchenfest in Wechmar, werden regionaltypische Trachten zu Tänzen wie dem Rheinländer, Rühler Springer oder einen Bändertanz getragen und auf Trachtenumzügen tanzend und winkend präsentiert. Das Rennsteiglied, die heimliche Thüringer Nationalhymne, wird gesungen und in Mundart Anekdoten und Geschichten lebendig im Dialekt der Region geschwätz. Auch die Kirchweih und die Schützenfeste sind in den Regionen fester Bestandteil des kulturellen Lebens auf denen man Trachten trägt. Zu Thüringen und der sprichwörtlichen Gastlichkeit gehören natürlich auch typische Thüringer Spezialtäten wie die Thüringer Bratwurst, das Rostbrätl mit Senf, Thüringer Klöße aber auch der Mutzbraten. Traditionen und Brauchtum sind in Thüringen vielfältig und einzigartig. Sie werden gelebt und deren Pflege steht für die Verbundenheit mit unseren Ahnen und unserer Herkunft. Nur wer die Vergangenheit versteht, die Traditionen und das Brauchtum bewahrt schafft Raum und Freiheit für die Verständigung untereinander und fördert das friedliche Beisammensein der Kulturen auf regionaler aber auch auf überregionaler Ebene.

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